Lichtschatten-Storys

Rarés Vergangenheit

Blitze erhellten den Himmel und ließen Silhouetten tanzen. Mit von dem Regen durchnässtem Fell schlich ein junger Schatten voller Tatendrang durch den Wald. Er hatte ein Ziel und das würde er erreichen, egal wie lange es dauern würde, niemand könnte ihn davon abhalten das Weltentor zu benutzen. Traurig dachte er an sein Rudel, dann aber schüttelte er den Kopf und starrte auf den See vor ihm. Der Regen ließ auch das Spiegelbild des Wolfes verschwimmen. Raré setzte entschlossen zum Sprung an, dann entschwand er seiner Welt um neue zu erkunden, sich im Klaren darüber, dass er sein Rudel wahrscheinlich nie wieder sehen würde... 

Es wurde warm und hell um den Schatten herum, als er durch das Weltentor sprang. Dann - mit einem Mal - stand er in einem Nadelwald. Als er sich umsah lief ihm ein eiskalter Schauder über den Rücken. Überall hingen an den Bäumen gepfählte Menschen. Schnell und auf leisem Fuße machte er sich auf den Weg einen anderen See zu finden um weiterzureisen, doch bevor der junge Schatten weiterdenken konnte wurde er mit einem Ruck hochgezogen und fand sich im nächsten Moment in einer Falle wieder. Die Seile der Menschen hielten ihn - zu einem Netz geknüpft - dort oben bei den Baumkronen fest. 

Wütend knurrte Raré und versuchte vergebens erneut, die Seile der Falle zu zerbeißen. Doch seine Zunge begann immer wenn sie das Seil berührte scheußlich zu brennen. Also gab er es vorerst auf und akzeptierte seine Momentane Machtlosigkeit. Enttäuscht sah er die augespießten menschen an. Sie hingen überall um ihn herum, an jedem Baum einer. Langsam wurde dem Schatten schlecht. >>Ich sollte zusehen dass ich von hier verschwinde<<, sprach Raré gedankenverloren zu sich selbst, als plötzlich unter ihm ein Ast knackte. 

Ein etwa dreizehnjähriges Mädchen sah Raré vom Boden aus furchtlos an. Die Leichen um sie herum schienen sie nicht zu beeindrucken. >>Seit wann können Wölfe sprechen?<<, fragte sie und richtete ihren Speer auf Raré. Dieser zuckte zusammen und verhedderte sich dadurch nur noch weiter in dem netz. >>Ähm, ja also....Ich kann gar nicht sprechen<<, gab der Wolf zurück, >>Du musst dir das wohl eingebildet haben. Kannst du mich jetzt bitte runterholen?<< - >>Ich höre dich wohl sprechen!<<, rief das Mädchen zurück und rammte ihren Speer in den Boden. Sie trug Tierfelle, was Raré eine Gänsehaut über den Rücken jagte, hatte dunkelbraune Haare und ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten ihn wütend an. 

>>Habe ich was falsch gemacht?<< wollte der Wolf wissen und legte seinen niedlichsten Dackelblick auf. Mit zurückgelegten Ohren sah er das Mädchen an, doch sie blieb unbeeindruckt und griff zu ihrem Speer. Dann sah sie sich um, warf den Speer nach dem Wolf und traf ihn an der Schulter. Leise winselnd und jaulend zog dieser den Schwanz ein und wand sich in dem Netz. Scheinbar gab es in der Nähe keinen See. Aber ohne den musste er in dieser Welt bleiben.... 

Das Mädchen sah Raré schief an, dann ging sie zu ihm und zog den Speer aus seiner Schulter. anschließend durchtrennte sie die Stricke, die den Wolf gefangen hielten und verschwand wieder zwischen einigen anderen Bäumen. Nun hatte der junge Schatten die Chance zur Flucht, doch er ergriff sie nicht sondern schlich dem Mädchen hinterher. Warum hatte sie ihn angegriffen? Weshalb hatte sie ihm nun geholfen? Es gab so viele Fragen aber keine Antworten. 

Noch immer hatte der Wolf ein mulmiges Gefühl im Bauch, als er sich an den Leichen vorbei schlich. >Ich sollte von hier verschwinden<, dachte er sich doch er war zu neugierig als dass er umkehren könnte. Und so folgte er der Fährte des Mädchens, bis diese im Nichts endete. Verwirrt sah Raré sich um und musste sich sogleich übergeben. Um ihn herum lagen weit verstreut Leichenteile, Innereien, Knochen, ja ein Herz schlug sogar noch schwach. 

Mit Mühe und Not blieb Raré aufrecht stehen, dann trat er einige Schritte zurück, bis er an etwas stieß. Als er sich ängstlich umdrehte erkannte der Schatten, dass hinter ihm eine angekaute und zerfetzte Leiche lag. Dann sprang Raré zurück weil sich die Leiche erhob, die Augen begannen gelb zu leuchten und die angefressene Hand griff nach Raré, der vor Schreck gelähmt war und sich nicht bewegen konnte. 

Sein Herz raste wie das eines Kaninchens als der Zombie in die Richtung des Schattens kroch. Sprachlos, außer Atem sah er diesem Geschöpf in die leeren Augen. Nur noch einige Schritte und dieses Wesen hätte ihn erreicht. Doch noch bevor das passieren konnte tauchte dieses Mädchen wieder hinter Raré auf und spießte das Wesen auf dem Pflock auf, den sie anschließend in einen Baum stieß. Raré drehte sich zu ihr um und legte die Ohren an denn sie sah ihn ziemlich wütend an...

>>Was hast du hier zu suchen?<<, giftete das Mädchen den Schatten an, >>Du tauchst hier auf, tappst in eine Falle und dann willst du dich fressen lassen?!?<< - >>Statt wollen vielleicht würde fast?<<, gab Raré kleinlaut zurück und legte erneut den Dackelblick auf. Wütend starrte sie ihn an, dann aber lächelte sie und ging in die Hocke. >>Tut mir Leid ich bin etwas aufbrausend<<, entschuldigte sie sich und kraulte den Wolf hinter seinem Ohr. Dann legte sie ihre Hand auf seine Wunde, die inzwischen nicht mehr blutete, schloss ihre Augen und atmete tief durch. Raré wurde mit einem Mal von einer wohligen Wärme umgeben und all seine Schmerzen waren verflogen. 

>>Was war das?<<, fragte Raré erstaunt und sah das Mädchen an. Sie sah ihn lächelnd an. >>Heilerkräfte<<, gab sie zurück und kicherte, >>Ach ja, mein Name ist übrigens Kimi!<< Raré legte die Ohren an. >>Ja.... Kimi? Hört sich an wie Kiwi.... naja, aber ich will jetzt nichts sagen.... Das ist ein schöner Name! Ehrlich!... Bist du jetzt.... böse auf mich?<< Kimi lachte laut los. >>Du bist schon ok, dir kann man doch nicht böse sein!<< Sie kraulte ihn hinter den Ohren. >>Ich kann es dir beibringen<<, sagte sie leise und lächelte, >>Aber erst lass uns verschwinden!<<

Raré nickte und ging ihr nach. Kimi führte ihn durch den Wald, an den Bäumen vorbei, die er selbst nur an den halbverwesten Leichen auseinanderhalten konnte. Dem Schatten wurde schlecht, als er an einem Ast einen Augapfel hängen sah. Als dieser ihn aber auch noch ansah lief ihm erst recht ein Schauder über den Rücken des Zehnjährigen. >>Warum wächst hier nichts?<<, fragte er und sah wieder zu Kimi. Er lief ihr schnell hinterher und hopfte dabei über einen abgerissenen Arm. 

Das Mädchen drehte sich nicht um und ging weiter. Dann blieb sie stehen und sah Raré in die Augen. >>Meine Vorfahren haben dieen Planeten zerstört. Diese Bäume sind die Überbleibsel eines riesigen Waldes. Wo einst Seen lagen findest du heute nur noch Pfützen. Sie haben sich vergiftet und den Planeten gleich dazu<< Der Schatten legte den Kopf schief. >>Wie nennt ihr diesen Planeten eigentlich?<<, fragte er. Kimi zögerte einen Moment. Dann sah sie sich um und trat auf Raré zu. >>Wir nennen ihn >Toread<. Unsere Vorfahren nannten diesen Planeten einfach nur >Erde<. 

>>Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Vorfahren wirklich so böse waren, wie du meinst<<, gab Raré zurück, als er mit Kimi in ihrem kleinen Dorf saß. Sie schüttelte den Kopf. >>Ich weiß nicht, ob sie alle abgrundtief böse waren, aber wir haben genug Dinge gefunden, die sie als Monster darstellen. Scheinbar achteten sie nur ihr eigenes und das Leben ihrer Art - mal von wenigen Ausnahmen abgesehen<< Der Schatten wollte das jedoch immer noch nicht glauben. >>Gibt es denn keine Möglichkeit... mehr herauszufinden?<<, fragte er daher. Kimi schüttelte den Kopf. >>Keine sichere. Wir fanden einen Weg zu ihnen zu reisen... Ich war selbst einmal dort aber es war schrecklich. Viele von uns kehrten nie zurück<<

>>Ich gehe trotzdem<<, gab Raré fest entschlossen zurück. Dann stand er auf. Der Boden unter seinen Pfoten war hart und fest. >>Dann kann ich dich nicht unterrichten!<<, warf Kimi ein und wollte den Schatten davon abhalten zu gehen. Aber dieser schüttelte nur den Kopf und knurrte: >>Ich finde meinen Weg, Heilung kann ich später lernen. Und wenn ich wieder da bin... dann schauen wir, ob euer Weltbild das richtige ist!<< Raré war nicht wütend. Nur stur. Und deshalb wollte er auch um jeden Preis seinen Willen durchsetzen. 
Kimi seufzte. >>Du glaubst an das gute in ALLEM, nicht wahr?<<, sagte sie traurig und kraulte den Wolf noch einmal hinter den Ohren. >>Ich mag dich nicht gehen lassen - du bist zu aufgeschlossen!<< >>Das hast du nicht zu entscheiden!<<, keifte er sie an, trat dann aber mit angelegten Ohren einen Schritt zurück. >>Tut mir Leid<<, gab er zurück und sah zu Boden, >>Dann lehre mich eben erst die Heilung. Aber dann kann ich doch gehen - oder?<< Der Wolf legte den Kopf schief und sah Kimi aus runden Kulleraugen an. >>Oke...<<, sagte sie und lächelte, >>Ich kann aber wahrscheinlich nicht viel machen - ob du auch anderen helfen kannst liegt dann an dir - also wenn ich dich unterrichtet habe, versteht sich!<<

~Fortsetzung folgt~

 

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